Einfach grenzenlos!

Die beiden Lokalen Aktionsgruppen Miselerland in Luxemburg und Moselfranken in Rheinland-Pfalz haben seit zehn Jahren eine gemeinsame, transnationale LEADER-Entwicklungsstrategie. Was das im Alltag bedeutet? Wir haben beim deutschen Partner in Saarburg vorbeigeschaut und nachgefragt.

Die touristische Saison hat gerade erst begonnen, doch es sind bereits mehrere Reisegruppen unterwegs, die mit ihrem Stadtführer durch die engen Gassen Saarburgs spazieren. Hinter jeder Biegung erwartet sie ein neuer Eindruck: windschiefe mittelalterliche Fachwerkhäuser, stattliche Barockbauten, der Wasserfall der mitten durch die Innenstadt rauscht, natürlich die namensgebende Burg, die über allem thront. Erbaut von Graf Siegfried von Luxemburg im Jahre 994, ist sie nicht die einzige Verbindung zum Großherzogtum. Große Teile der heutigen Verbandsgemeinde Saarburg-Kell gehörten jahrhundertelang zum Gebiet der Luxemburger Herrscher.

Diese tiefe historische Verbundenheit ist für Jürgen Dixius einer der Gründe, warum die Region Moselfranken in Deutschland und die Region Miselerland es geschafft haben, sich als erste transnationale LEADER-Region Europas zusammenzuschließen. Seit 2006 arbeiten sie bei Kooperationsprojekten zusammen, seit zehn Jahren gibt es eine gemeinsame LEADER-Entwicklungsstrategie. Jürgen Dixius ist seit 2014 Bürgermeister der Verbandsgemeinde und somit auch Vorsitzender der LEADER-Region Moselfranken. Zuvor war er Stadtbürgermeister in Saarburg und lernte dort LEADER als Instrument der lokalen Beteiligung kennen.

Im historischen Rathaus von Saarburg empfängt er uns gemeinsam mit Matthias Faß, dem Manager der Lokalen Aktionsgruppe Moselfranken.  Für beide sind die Landesgrenzen längst keine Trennlinien mehr, sondern ein gemeinsamer Handlungsraum. „Das Bestreben war immer, grenzüberschreitende Projekte auf die Beine zu stellen, da wir uns als eine große Region in Europa verstehen“, sagt Jürgen Dixius. Die Moselregion als Kulturraum, in dem der Weinbau die Menschen beidseits des Flusses jahrhundertelang ernährte, erlebt nun in Zeiten des grenzenlosen Europas eine nie dagewesene wirtschaftliche Verflechtung. Mehr als 50.000 Menschen pendeln täglich nach Luxemburg. Gleichzeitig ziehen immer mehr Luxemburgerinnen und Luxemburger wegen der Wohnkosten über die Grenze. Was wirtschaftlich verbindet, erzeugt lokal neue Spannungen: mehr Verkehr, steigenden Siedlungsdruck und wachsende Anforderungen an Infrastruktur und Raumplanung.

Herausforderungen, die sich kaum noch isoliert bewältigen lassen. Und die eine gemeinsame Raumplanung erfordern. „ Auch dort, wo heute die Ministerien der Länder zusammenarbeiten, etwa beim Entwicklungskonzept Oberes Moseltal, profitieren sie vom engen Kontakt zwischen den Lokalen Aktionsgruppen und dem Wissen, das so direkt vor Ort gesammelt wird“, erklärt Jürgen Dixius. So trägt das Bottom-up-Prinzip dazu bei, grenzüberschreitend Probleme zu lösen. Als Leuchtturmprojekte nennt er die Anschaffung eines deutsch-luxemburgischen Löschboots sowie die gemeinsame Nutzung der Mehrzweckhalle, die gerade in Wincheringen gebaut wird. Diese kann im Katastrophenfall (Blackout der Stromversorgung, Hochwasserlage) als Sammelpunkt für die Bevölkerung und die Hilfeleistenden auf deutscher und luxemburgischer Seite dienen. Sie ist so konzipiert, dass die Rettungskräfte dort schnell ihr Lagezentrum einrichten könne. Sie kann außerdem als Krisenleitstelle für die deutsch-luxemburgische Region fungieren.

„Zusammenarbeit wächst über Prozesse“, fasst es Matthias Faß zusammen. Für ihn beginnt die eigentliche Herausforderung oft erst nach Projektende: Strukturen schaffen, die bestehen bleiben, auch dann, wenn Förderperioden enden oder Verantwortliche wechseln. Als Regionalmanager sorgt er dafür, dass Bemühungen nicht einschlafen. „Prinzipiell wird die Kooperation über Grenzen hinweg auf beiden Seiten klar als Mehrwert gesehen.“

Matthias Faß hat er an der Universität Trier Sozialwissenschaften studiert. Bevor er 2018 LEADER-Manager wurde, hat er sich als Projektkoordinator für den Aufbau aktiver Dorfgemeinschaften eingesetzt. Regionalentwicklung bedeutet für ihn immer, die Menschen zusammenzubringen, die etwas bewegen können.

Zusammen mit seinem Luxemburger Kollegen Thomas Wallrich ist er dafür Impulsgeber. Sie schaffen regelmäßig Gelegenheiten zum Austausch: „ Um möglichst viele an einen Tisch zu bekommen, braucht es konkrete Themen und Fragestellungen, die wirklich beide Seiten betreffen.“

Sie bringen politisch Verantwortliche zusammen, aber auch Bürgerinnen und Bürger, die vom Nachbarn lernen wollen. So organisierten LEADER Miselerland und LEADER Moselfranken von 2021-2023 15 sogenannte Nopertrips, thematische Ausflüge, bei denen sich mehr als 400 Teilnehmende über Projekte und Methoden zu breitgefächerten Themen wie Biodiversität, Weinanbau- und -marketing, Tourismus, Jugend und bürgerschaftliches Engagement informierten.

Eine Fortsetzung gibt es in der laufenden Förderperiode mit dem Projekt „Austausch ohne Grenzen“, bei dem auch die LEADER-Region Merzig-Wadern mit im Boot sitzt. Der fachliche Austausch und der Aufbau neuer Vernetzungsstrukturen, die auf den Bedarf der Regionen angepasst sind, sollen unterstützt werden. Zielgruppen sind Jugendliche und Jugendhäuser in der Grenzregion, Lehrkräfte aus Schulen, Akteure aus dem Bereich Umweltschutz und aus dem sozialen Sektor, Kommunen, Gemeindesyndikate und Zweckverbände. Zur Koordination der Aktivitäten hat LEADER eigens eine Person für vier Jahre eingestellt. Diese hat ihr Büro wiederum in Grevenmacher. Hauptprojektträger ist LEADER Miselerland, die Kosten tragen die EU und die drei beteiligten Regionen.

Außergewöhnlich ist die Verwaltungsvereinbarung, die Luxemburg, Rheinland-Pfalz und das Saarland für Kooperationsprojekte geschlossen haben. Bei Kooperationsprojekten gelten die Förderrichtlinien der federführenden LEADER-Region sowie die Prüfergebnisse des jeweiligen Landwirtschaftsministeriums. Das verhindert, dass Projekte durch administrative Hürden ausgebremst werden.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Wiedereinführen von Grenzkontrollen für die Bewohner*innen der Großregion nicht nur ein Ärgernis ist, weil sie für Verkehrsstaus sorgen, sondern als Angriff auf das eigene Selbstverständnis gesehen wird. Wer an Europa zweifelt, braucht eigentlich nur durch die Dörfer beidseits der Mosel zu fahren, sich mit den Menschen dort zu unterhalten, um zu merken, dass ein Miteinander über die Grenzen hinweg, mehr Probleme löst als schafft.

© Foto und Text: Martine Hemmer, LEADER Letzebuerg 

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